Meine StreetMachine GT
Ein Weblog

Christoph Hammann

Contents

1  Probefahrt
2  Abholung und Basteleien
3  Zen and the art of recumbent cycling
4  Die Entdeckung der Langsamkeit
5  Nützliche Dinge
6  Da legts Di nieda!
7  Zieh!
8  Lastesel
Index

1  Probefahrt

Warum ich mich auf einer Probefahrt für die StreetMachine GT entschieden habe
Auf der Rückfahrt von einer Weiterbildung in Weimar kommen wir an der Radscheune Erfurt vorbei und ich schaue mich dort auf der Suche nach einem Liegerad ein wenig um. Die Brüder Derer habe drei Liegeräder ausgestellt: ein Ostrad Adagio , eine HP Velotechnik StreetMachine GT und ein völlig verrücktes Liegeradtandem, Ostrad Janus. Die ersten beiden sehen mir interessant aus, und ich mache einen Termin zum Probefahren aus.
Am 20.12.2003 ist dieser dann, und Rüdiger Derer gibt mir als erstes den Langlieger zum ausprobieren:
Figure 1: Ostrad Adagio
adagio620.jpg
Auf dem Parkplatz bringt er mir erst einmal das Radfahren neu bei. Eigentlich hatte ich vor Jahren ja schon einmal ein Liegerad probegefahren, aber die neurokinetische Erinnerung ist wohl verblasst. Nach einigem Herumgeeiere auf dem Parkplatz traue ich mich dann auch in den Stadtverkehr und fahre nach Süden aus Erfurt heraus. Als Erstes fällt mir die gute Aussicht auf: Anders als beim "wedgie" sieht man frei nach vorne, oben und zu den Seiten. Auf diesem recht hohen Liegerad ist auch das Umblicken gar nicht so schwer, ich glaube nicht, dass ich einen Rückspiegel bräuchte. Strassenbahnschienen und das typische ostdeutsche Kopfsteinpflaster zeigen dann: das Adagio federt alles weg, wie ein Sofa. Als es bergauf geht, ist es allerdings auch so dynamisch wie ein Sofa. Nun gut, es ist auch eine Masse Metall und Mensch den Berg hoch zu befördern. Da heißt es, kleiner Gang 'rein und hochnüdeln. Als es wieder bergab geht, werde ich durch das affenartige Tempo (so kommt es mir jedenfalls vor, so ungewohnt nah am Boden!) an Schlittenfahren erinnert. Ich lasse das Sofa aber nicht frei laufen, schon im Laden meinte man, die Trommelbremsen seien wohl etwas unterdimensioniert für mein Gewicht. Außerdem hat das Lenkgestänge Spiel, es hat Lager aus dem Trabi. Da kann sich nun jeder seinen ost- oder westdeutschen Reim drauf machen... Da ich nun 'mal wieder beim Laden angekommen bin und noch lebe, lasse ich mir auch die StreetMachine GT fertig machen:
Figure 2: HP Velotechnik StreetMachine GT
gt_2000_frei.jpg
Die Proberunden auf dem Parkplatz gehen schon wesentlich besser und bald geht es wieder auf die bekannte Strecke. Bei diesem Kurzlieger habe ich gleich ein besseres Fahrgefühl. Der Geradeauslauf ist eher noch etwas besser, und das Rad ist leichter und fährt sich dadurch spritziger. Der GFK-Schalensitz, der ein festes, aber gut gepolstertes Widerlager abgibt, spielt dabei sicher auch eine Rolle. Hier stellt sich das Schlitten-Gefühl schon in der Ebene ein: ich sehe nur meine Füße und den Tretlagerausleger vor mir. Die Federung ist straffer, aber das was durchkommt, empfinde ich nicht mehr als unangenehm. Das Fahren macht einfach einen Riesenspaß, und so fahre ich den Berg hoch bis zur A-4 und darüber hinaus. Die Fahrt den Berg herunter ist dann der reine Wahnsinn, diesmal lasse ich's laufen und merke dann aber, dass die V-Bremsen gerade so zurecht kommen. Scheibenbremsen wären wohl besser. Die Vordergabel taucht beim Bremsen ein, ein für mich ungewohntes Gefühl, weil ich noch nie eine gefederte Vordergabel gefahren bin, bin halt kein (Mountain-) Biker!
Insgesamt ein tolles Erlebnis. Ich entscheide mich, so ein Liegerad zu bestellen, tiefere Modelle will ich erst einmal nicht in Betracht zeihen. Schließlich will ich es auf langen Touren und Brevets benutzen, da ist Verkehrseignung und Gesehenwerden wichtig. Es wird bis Mitte Januar dauern, bis es kommt...

2  Abholung und Basteleien

Erste Eindrücke von meiner neuen StreetMachine GT, Basteleien am ersten Tag
Am 20.1.2004 war es dann endlich so weit, dass ich meine StreetMachine GT vom Händler abholen konnte. Leider hatte ich nicht viel Zeit für Probefahrten und musste nach einer halben Stunde wieder weiter, aber auch das Wetter war nicht allzu verlockend. Hier habe ich ein paar Fotos ins Netz gestellt.
Nachdem Rüdiger Derer den Tretlagerausleger und den Lenker eingestellt hatte und die Kette auf das notwendige Maß gekürzt hatte, habe ich im Schneetreiben eine kleine Runde in Erfurt Haarberg gedreht, alles lief ganz gut, wenn auch noch mancher Schlenker drin war. Die Shimano-Klickpedale rasten fast unwillkürlich ein, das Ausklicken geht eher noch besser als auf dem Rennrad, vielleicht, weil die Last auf der Pedalplatte fehlt.
Apropos Last, ich habe das Liegerad mit den härteren Federn (für über 100 kg Gesamtlast) bestellt, die Federn brauchen so fast gar nicht vorgespannt zu werden und es ergibt sich ein fast sänftenartiges Fahren.
Abends zu hause bastele ich dann noch ein wenig an dem Rad herum. Leider funktioniert der Sigma BC 1200 Fahrradcomputer mit Funksender, den ich vorgesehen hatte, in allen denkbaren Anordnungen nicht, schließlich lese ich in der Anleitung (ja, ja, RTFM...), dass der Empfänger in einem 30-Konus über dem Sender sein muss. Das lässt sich am Lieger nicht einrichten. Ich bestelle bei Rose einen Topeak Panoram, er hat auch schön große Zahlen und zeigt vier Informationen gleichzeitig an. Sein Kabel reicht locker bis zur Gabel und macht einen stabilen Eindruck.
Für Werkzeug, Krimskrams und Schläuche zweckentfremde ich eine kleine Kameratasche, die ich auf dem Gepäckträger hinter dem Sitz festschnalle. Die Vorderlampe ist richtig herum am Tretlagerausleger montiert und gerät so in Konflikt mit einer Strebe des Rammschutzes, so lässt sie sich nicht horizontal ausrichten. Ich drehe sie um. Eine Probefahrt kann ich an dem Abend nicht mehr machen, es liegt jetzt eine geschlossene Schneedecke, schade. Aber getauft wird das Liegerad noch, auf den Namen "midlife crisis", aus offensichtlichen Gründen.

3  Zen and the art of recumbent cycling

Oder: Gaaaanz ruhig!
Am 22.1.2004 konnte ich dann endlich die Jungfernfahrt mit "midlife crisis" machen, von Waltershausen nach Neufrankenroda und zurück. Es war recht früh am Morgen, erfreulicherweise kaum Verkehr und damit wenig Zuschauer bzw. zu störende Verkehrsteilnehmer. Was auch gut war, denn das Fahren auf dem Liegerad war doch anfangs recht ungewohnt. Besonders beim Anfahren und bei langsamer Fahrt an Steigungen trat doch noch mancher ungeplanter Schlenker auf. Schnell wurde klar, dass man die Arme wirklich entspannen muss. Das muss von den Schultern ausgehen, man darf sich nicht krampfhaft an den Lenkergriffen festhalten oder abstoßen. Es sind so die tief eingegrabenen Gewohnheiten vom "Hochrad", die man erst loslassen muss! Dieses Entspannen, um sein Ziel zu erreichen, nicht krampfhaft irgendwo hin wollen, sondern sich "dahin denken", das gefällt mir!
Es war zwar kalt, aber auch eine einmalige Atmosphäre mit zwischen den Wolken hervorschauenden Sternen .
Keine mechanischen Probleme mit dem Rad.

4  Die Entdeckung der Langsamkeit

Überlegungen zur Biomechanik und zum Training
Nach den ersten Fahrten mit Computer am Liegerad stellt sich etwas Ernüchterung ein: Man ist nicht automatisch schneller. Gestern, am 27.01.2004 zum Beispiel 48 Kilometer, nur wenig Hügel und ein Schnitt von 19,8 km/h. Am 1.1., bei der vorerst letzten Fahrt mit dem Rennrad über eine etwas längere Strecke mit wesentlich mehr Steigungen (von Ruhla hoch zur Ruhlaer Skihütte), war es ein Schnitt von 19,37 km/h. Beides keine Durchschnittsgeschwindigkeiten, um damit zu prahlen.
Andererseits: die Faktoren, die hier eine Rolle spielen, nehmen eine positive Entwicklung: Mein Gewicht ist im Januar bereits um 1 Kilo heruntergegangen, und ich habe auch nicht mehr den Muskelkater wie nach den ersten Fahrten mit dem Liegerad.
Hier hat sich ein Tipp bewährt, den ich auf der HPV e.V.-Mailingliste gelesen habe: Lauftraining bereitet die Beinmuskulatur besser auf den Lieger vor als Training auf dem "upwrong".
Total wichtig ist auch, die Trittfrequenz hoch zu halten, besonders an Steigungen, das vermindert auch die Schlenker.
Und was die Durchschnittsgeschwindigkeit angeht, gilt wohl die alte Radfahrerweisheit: "Große Gänge, schnell treten."

5  Nützliche Dinge

Was man so braucht
In den letzten Tagen haben sich ein paar Zusatzteile als nützlich erwiesen:
Das erste ist eine Carbon-Nase (nur etwas günstiger als eine goldene Nase...) für den Schalensitz der StreetMachine GT.
DCP_1755.jpg
Ich habe sie bei Pedalkraft bestellt, und dieser Radhändler hat innerhalb weniger Tage geliefert, sehr freundlicher Service mit Montageanleitung. Der Sitz der StreetMachine ist augenscheinlich von Novosport, und die bieten auch eine "Ergo"-Version dieses Sitzes an, bei der diese Nase gleich fest anlaminiert ist. Sie verhindert das langsame Herunterrutschen im Verlauf einer Fahrt. Ob die gezeigte Befestigung an den Schrauben der unteren Sitzbefestigung auf Dauer hält oder zur Lockerung dieser Schrauben führt, muss sich erst zeigen. Jedenfalls hat sich die vordere Kante der Carbon-Nase  durch Kontakt mit dem Vorbau (eigentlich ist es ja ein Rückbau), wenn man darauf sitzt (z.B. beim Anfahren) schon etwas aufgefasert. Das tut der Funktion aber keinen Abbruch. Die Sitzmatte kann weiter darüber gezogen werden, so viel länger wird der Sitz durch die Nase nicht.
DCP_1752.jpg
Der Name des Radels in retroreflektierenden Buchstaben im oberen Bereich der Rückenlehne. Die hat der lokale Werbegrafiker für 7,50 Euro angefertigt.
DCP_1819.jpg
Ein "take a look" Brillen- oder Helmspiegel, im Bild in der letzteren Montageart gezeigt. Auf Dauer wurde das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, das manche Autofahrer an den Tag legen, doch zu nervig. Umblicken beim Linksabbiegen ist auch nicht so richtig gut möglich, auf der StreetMachine liegt man schon relativ flach. Mit dem Spiegel muss man nur den Kopf ein wenig nach links drehen und sieht die ganze Strasse hinter sich. Auch bei Wind oder Fahrt über Kopfsteinpflaster ergeben sich kaum Vibrationen. Den Spiegel gibt's übrigens auch bei Pedalkraft.

6  Da legts Di nieda!

Was zieht man im Schneesturm auf dem Lieger an?
Gestern, am 9.2.2004 habe ich das Liegerad zur Erstinspektion nach Erfurt-Haarberg gefahren, 120 km hin und zurück. Leider war gerade Schneesturm, d.h. starker Westwind und immer mal wieder ergiebige Schneeschauer. Es war aber gar nicht so schlimm, ich hatte meine Barbour "International" Motorradjacke aus gewachstem Baumwollstoff angezogen. In der Nässe und Kälte quillt der Stoff und wird sehr fest, es fühlte sich zum Schluss an, als hätte ich eine Rüstung an. Ganz trocken bleibt man darin nicht, aber warm, das ist das Wichtigste. Im Winter werde ich die Jacke öfter tragen!
Ganz behoben war das Problem mit dem Herunterrutschen auch mit der Carbon-Nase nicht, und irgendwann auf dem Rückweg fiel mir auf, dass ich immer dann Schmerzen in der Patella-Sehne links bekam, wenn ich unmerklich ein wenig näher an das Tretlager herangekommen war. Kein Wunder, auf dem Rennrad verschafft man sich mit zu niedrig eingestelltem Sattel die gleichen Beschwerden! Im Schneegestöber bei Cobstädt kam mir dann die Eingebung: Sitz ganz flach (fast bis zum Anschlag) gestellt, und schon hörten das Rutschen und die Knieschmerzen auf. Es ergibt sich so auch eine gestrecktere Position.
Zum Schluss noch ein Foto von "midlife crisis", typischem Straßenbelag bei Erfurt-Egstedt und der verschneiten Region um die "Drei Gleichen" im Hintergrund:
DCP_1830.jpg

7  Zieh!

Runder Tritt minus 90 Grad
Noch ein Trick, den ich mir auf den letzten längeren Touren angeeignet habe, um einen "runden Tritt" zu bekommen. Ähnlich wie man das Lenken quasi wieder neu lernen muss, muss man sich auch wieder eine flüssige und möglichst effektive Art des Pedalierens aneignen, wenn man sich aufs Liegerad umstellt. Hier hilft es natürlich, wie immer, auf eine möglichst hohe Trittfrequenz zu achten. Was aber noch mehr bringt, ist meiner Erfahrung nach, ganz bewusst an den Pedalen zu ziehen. Dafür sind natürlich Klickpedale, in meinem Fall Shimano PD-M324, Voraussetzung. Braucht man sowieso, denn sonst müsste man zusätzliche Kraft aufwenden, um die Füße auf den Pedalen zu halten. Beide Techniken bringen im Zusammenwirken deutlich mehr Geschwindigkeit.

8  Lastesel

Schnell bergauf, langsam bergab... nicht!
Auf meiner Tour zum Augenärztekongress nach Düsseldorf und zurück konnte ich feststellen, dass die StreetMachine GT ein ganz gutes Reiserad ist. Ich hatte auf dem hinteren Gepäckträger 2 Ortlieb Back-Roller Plus Taschen sowie meinen Camelbak, und auf dem Lowrider-Gepäckträger unter dem Sitz einen Ortlieb Office-Bag links und eine kleine Karrimor Gepäcktasche rechts. Es werden wohl einige Kilo gewesen sein. Die Dynamik an Steigungen war damit natürlich 'raus, im Hoch-Sauerland war ich teilweise froh, wenn ich mit 5 km/h die Anstiege hochkam.
Instabil wurde das Rad durch diese schwere Beladung aber nicht, und so wurde die Geschwindigkeit auf den Abfahrten nur durch meine Nerven begrenzt, maximal waren es 70,1 km/h.
Anders als bei aufrechten Fahrrädern hatte ich auch nach den längeren Tagesetappen keine Schwierigkeiten mit dem Sitzen. Man findet manchmal auf englischsprachigen Internetseiten zum Thema Liegerad angeregte Diskussionen über das Problem "recumbent butt", aber dieses Problem hatte ich nicht. Der Sitz der StreetMachine GT passt mir auch recht gut, die Last vertielt sich also nicht nur auf den Allerwertesten.
Insgesamt fiel mir auch bei dieser Tour wieder die freie Sicht nach vorne, zu den Seiten und zum Himmel auf, die man vom Liegerad aus hat. Panorama- statt Tunnelblick!

Index (showing section)


Barbour, 6.0
Bremsen, 1.0
Brevet, 1.0
Carbon-Nase, 5.0, 6.0
Derer, 1.0, 2.0
Federung, 1.0, 2.0
HP Velotechnik, 1.0
Lauftraining, 4.0
Lenkgestänge, 1.0
Ostrad, 1.0
Patella-Sehne, 6.0
Radscheune Erfurt, 1.0
retroreflektierend, 5.0
runder Tritt, 7.0
Schlitten, 1.0
Shimano, 7.0
Sitz, 1.0
Spiegel, 5.0
StreetMachine GT, 1.0, 2.0
Trabi, 1.0
Vordergabel, 1.0



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On 31 Mar 2004, 07:40.